Donnerstag, 13. August 2015

Das große Kotzen

Überall in der Bloggerwelt lese ich momentan Posts, die mich tief berühren - wo Worte so punktgenau gewählt werden, dass ich Gänsehaut bekomme (so wie zum Beispiel diese hier oder hier oder auch diese hier). 

Ich selbst merke, dass ich müde werde, im echten Leben. Zu argumentieren, zu erklären, zu verteidigen. Ich merke, dass ich bei manchen Aussagen zu einem kleinen Vulkan werde. Der innerlich brodelt, der schreien möchte, manchmal auch heulen und zum Großteil kotzen. 

Es sind Aussagen wie (und hier liste ich mal die harmloseren auf):  
Wo sollen die denn alle hin? 
Wir haben ja selbst nix. 
Die kommen ja nur, weil's glauben sie bekommen das Geld reingsteckt. Die wissen ja nicht, dass wir für unser Geld auch arbeiten müssen. 
Du wirst schon noch sehen - du bist ja zu jung, aber in 20 Jahren wirst an meine Worte denken, die werden hier alles kaputt machen.
Ich versteh ja nicht worüber die sich aufregen - mich würd das nicht stören bei den Temperaturen im Freien zu schlafen - die sollen doch froh sein, dass ihnen hier nicht die Bomben um die Ohren fliegen .
...
Ich höre Parolen und Aussagen, die ich bis jetzt nur aus Filmen und Dokumentationen kenne. Und ich bekomme Gänsehaut - keine von der angenehmen Sorte. Das ist alles echt - jetzt. In diesem Moment.

Manche haben sogar ein neues Hobby für sich entdeckt: man geht Flüchtlinge schauen, die momentan überall ausgesetzt werden. Natürlich versteckt, denn sonst könnten die einen ja sehen. Und dann wartet man auf die Polizei und lacht sich ins Fäustchen. Nebenbei kann man auch noch Fotos mit dem Handy machen - die kann man dann auch ganz toll herzeigen und herumschicken. 

Und wieder fängt es in mir zum brodeln an, ich schreie nicht, ich heule nicht und das große Kotzen kann ich auch unterdrücken. Allerdings bricht es aus mir heraus: Und sonst geht's aber eh, oder?

Für einen kurzen Augenblick gibt es große Augen und dann geht es auch schon los. Siehe oben. Und ich stehe und argumentiere, versuche durch die Mauer der Haßparolen doch irgendwie durchzuargumentieren - erfolglos. 



Aber noch mehr als ich schreien, heulen und kotzen möchte, schäme ich mich. Ich schäme mich für meine Leute, für die fehlende Menschlichkeit, das fehlende Mitgefühl und das fehlende Gehirn.

Das diese Flüchtlinge keine jahrelange Planungsphase für ihre Auswanderung Flucht hatten und demnach vor ihrer Flucht keinen Deutschkurs belegt haben, sich auch noch nicht mit unserer Kultur auseinandersetzen konnten und obendrein von Krieg und Flucht schwer traumatisiert sind - das interessiert nicht. 

In mir keimt die Frage auf, ob Worte wie "Krieg" und "Flucht" überhaupt sinnerfassend verstanden werden. Manchmal wünsche ich mir wirklich, dass mein Gegenüber sagt: Ach, das ist Krieg? Das bedeutet Flucht? Das wusste ich nicht. 

Genau weiß ich es auch nicht. Zum Glück. Genau kann ich es mir nicht vorstellen, was es heißt von heute auf morgen alles - wirklich alles - zurücklassen zu müssen, die Menschen, die ich liebe vielleicht nie wieder zu sehen (und das der kleine Wolf und die Katzenkinder nicht mitkönnten) neben der Frage, ob ich das alles überleben werde, ob ich überhaupt jemals wo ankomme. Wie verängstigt und verletzlich man da sein muss ... nein, ich weiß es nicht.

Genau weiß ich auch nicht, wie es weiter geht. Längst habe ich den Überblick über wer haßt wen und warum genau verloren. Wer möchte was und warum nicht und warum ist das, was gestern vereinbart wurde, heute nicht mehr gültig? Und hat das alles eigentlich überhaupt einen Grund?

Was ich aber weiß: diese Menschen brauchen einen Platz um zu leben, um zu heilen. Und dafür braucht es neben der Grundversorgung vorallem Menschlichkeit.

Links zum Thema:

Falter: Warum haben alle Flüchtlinge Handys?
Die Caritas Österreich
Wir sind dabei
Fakten gegen Vorurteile

Kommentare:

  1. Liebe nima,

    ein sehr ergreifender Post, dem ich nichts hinzuzufügen habe. Es ist gut, dass Du das alles nieder geschrieben hast und ich hoffe, Du fühlst Dich jetzt ein wenig besser.

    Unser Gesellschaft erschreckt mich mehr und mehr und ich kann Dich so gut verstehen...

    Ich lasse Dir einen lieben Gruß hier,
    Kerstin

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  2. Damit hast du mir aus der Seele gesprochen. Sei umarmt.

    Nordische Grüße von Iris

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  3. weißt du, was mich am meisten traurig macht? dass die letzte aussage von meiner schwester stammen könnte. das gespräch mit ihr hat mich damals zutiefst getroffen und betroffen gemacht. so hautnah hatte ich ausländerfeindlichkeit noch nie erlebt ...
    lieben gruß und danke für diesen post! susi

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  4. Ich weiß genau was du meinst. Gerade vorhin ist mir in den Sinn gekommen, warum die Menschen alle so am verrohen sind: es ist Respektlosigkeit. Kein Respekt vor dem Leben, der Freude, dem Leid, dem Hunger, der Not..... Es ist einfach alles so selbstverständlich geworden.......man könnte das noch unendlich weiterführen..... Und dank der ganzen Medien in denen man sich einbringen kann, kann man auch den Hals aufreissen ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben. :o(
    Das ist sehr traurig, denn wir müssen ja auch in dieser Welt leben.... mit solchen Menschen..... und genau das ist einer der Gründe, warum ich mit meinem Mann allein am Glücklichsten bin. Keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen. Nur das tägliche Erstaunen und wundern über unsere Mitmenschen. Wo soll das nur alles noch hinführen???? Mir macht das Angst.

    Fühl dich mal gedrückt. (unbekannterweise).

    Liebe Grüße aus München sendet dir
    Silke

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  5. Liebe Nima,
    Ich hab schon lang keinen Post mehr gelesen, der so treffsicher war! Ein großes Kompliment dafür!
    Man kann dem gar nichts mehr hinzufügen, denn es ist alles Wichtige von dir gesagt worden.
    Alles Liebe Babsy

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  6. Oh ich versteh dich so gut... selber werd ich nicht mal mehr aggressiv sondern tieftraurig. Traurig über so viel Unverständnis, das fehlende Mitgefühl und die fehlende Dankbarkeit... Traurig über so viel Angst, die letztendlich hinter all diesen Pseudoargumenten steckt und als Agression gegen das Fremde und Unbekannte ausgelebt wird.

    Ich versuche mich nicht aufzuregen, weil ich mich damit auf deren Unausgeglichenheit begeben würde, was ich aber nicht will. Wenn alle Fragen danach, was er/sie sich wohl in solch einer schlimmen Lebenssituation tun würde, nix bringen, bleibt nur noch die Anmerkung, dass ich für ihn nur hoffen kann selber nie derart in Notlage zu kommen und er mir unendlich leid tut für sein kaltes Herz. Das bewirkt oft mehr Nachdenken als heftige Diskussionen.

    Vereinen wir unsere Kraft in Friedensmeditationen und dem visualisieren von Frieden - je mehr das tun umso stärker wird diese Energie und kann sich manifestieren.

    Alpi

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  7. Weil sie blind sind für die Wirklichkeit! reden sie nach dem Nachbarn, der Zeitung, dem Arbeitskollegen ...die Meisten haben keine Ahnung wie es denen geht. Vergessen ist, das ihre Eltern vielleicht auch mal auf der Flucht waren, sich verstecken mussten...
    Wir werden sie aber auch nicht überzeugen, ändern können.
    Ein toller Bericht!
    Gruß Andrea

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  8. Danke, Danke, Danke ! Für Deine Worte !
    Ich hatte heute noch eine Diskussion mit meinen Eltern, ähnliche Aussagen wie oben :-( und das von Menschen, die selbst einmal aus einem Land geflohen sind !
    Ich schäme mich......Fremdschämen ! :-( für ein Land bzw. die Menschen, die zum größten Teil im Überfluss leben ! (Nicht alle aber viele) und die bloß nicht über den Tellerrand gucken wollen, die (braune) Suppe (sorry) könnte ja überschwappen. Ja Gänsehaut, Kotzen, Wut, Trauer und wie gesagt Fremdschämen....
    Liebe Grüße, liebe nima,
    Deine Birgit
    P.S. Bald geht es auf meinem blog auch weiter.

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  9. Eines Tages sind wir auch betroffen... Und dann?
    Dann haben wir auch kein Mitgefühl verdient!
    Wir tun so, als wenn es uns immer so gut gehen wird, wie es heute noch scheint...
    Nur, wo wollen wir dann hin?
    So wird es nicht besser!
    Menschlichkeit ist gefragt!

    Andrea

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  10. Das kann ich nur genau so unterschreiben, ich komm im Moment auch oftmals nicht klar mit meinen "Mitmenschen". Verstehen kann ich das alles nicht mehr, hab Dank für Deine Worte

    LG von der Maus

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  11. Danke schön! <3

    Mehr kann ich gerade nicht sagen...

    Fühl' Dich gedrückt,
    Nicole

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  12. Es ist alles gesagt.
    Ich schäme mich auch fremd. Sehr.
    Danke für deinen Post!

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  13. Ein kleines Beispiel aus meinem Umfeld.
    Meine Schwester war den Flüchtlingen, die in ihrem Ort untergebracht sind, auch sehr negativ gegenüber eingestellt. Einer ihrer Bekannten ist ehrenamtlicher Helfer und hat gesagt: "Du kommst jetzt einfach mal mit, wir besuchen `meine` Flüchtlinge!"
    Heute ist sie selbst ehrenamtlich engagiert und betreut gerade ihre dritte Familie. Voller Begeisterung erzählt sie von den netten und dankbaren Menschen, die froh sind dem Krieg entkommen zu sein.
    Und sie erzählt von Kindern, die nicht sprechen, weil das Erlebte unaussprechlich ist. Die aber wieder lernen zu lachen, wenn man mit Ihnen spielt und ihnen Freude schenkt.
    Meine Schwester hält Händchen, wenn ein Zahn gezogen werden muss und übersetzt beim Kinderarzt. Sie gibt viel Energie in diese Arbeit.
    Und sie erhält so viel mehr zurück, Dankbarkeit Gastfreundschaft, ein Lächeln von jemandem, der das Lachen schon verlernt hatte. Meine oft so strenge Schwester ist weicher geworden und herzlicher.
    Ich wünschte, noch viel mehr Menschen würden diese Angst vor den Fremden verlieren und ihnen offen und ohne Vorurteile gegenübertreten.

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  14. Ein Thema, dass im Moment wohl Viele berührt...in welcher Art und Weise auch immer. Ich bin da bei gewissen spezifischen Themen wirklich zweigeteilt - geb ich ehrlich zu! Liegt daran, dass ich die wirklich dankbare Seite dieser Menschen, aber auch die Kehrseite erfahren hab (müssen). Hier liegt für mich persönlich die Kunst begraben, nicht alle Menschen aus Vorurteilen heraus "in einen Topf zu schmeißen"... Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen bin ich offen und tolerant - aber auch das hat seine Grenzen...
    Nachdenkliche Grüße
    Nicole

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  15. Dein Post spricht mir aus der Seele. Leider können sich manche Leute nicht in die Lage der Flüchtlinge versetzten und urteilen sooo hart und hirnlos.

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

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  16. Danke für diesen Post. Es ist wichtig, in diesen Tagen Stellung zu beziehen und sich nicht wegzuducken. Flüchtlinge aufzunehmen hat etwas mit Menschlichkeit und Nächstenliebe zu tun - und daran fehlt es leider immer mehr Leuten.

    Liebe Grüße und nie aufhören zu diskutieren ;-)
    Alex

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  17. Ich bin berührt von deinem Text. Ich sehe es sehr ähnlich, wie können Menschen, denen es verhältnismäßig soso gut geht, so böse zu Anderen sein, die fliehen musste? Die Angst haben, vor dem Krieg wo sie herkommen genauso wie vor der ungewissen Zukunft. Die Glück hatten, überhaupt hier lebend anzukommen und noch mehr Glück, wenn ein Teil ihrer Lieben ebenfalls lebend angekommen ist. Und dann begegnen sie hier so viel Hass… :( Ein bisschen Ruhe und Frieden hat doch jeder Mensch verdient…

    LG und danke für die sensiblen wahren Worte!

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Und das sagst du dazu...

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